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Das erste gelbe Blatt
Das erste gelbe Blatt

Bunt ging es zu in der Linde am Marktplatz. Bunt und laut.
Die Blätter, deren Blattkleid in diesen Spätsommertagen noch immer knackig grün war, wunderten sich. Eines von ihnen war gelb geworden. Hell und leuchtend gelb, golden fast. So ganz anders sah es auf einmal aus. Und fröhlich. Man konnte meinen, es lachte. Und die Menschen, die des Wegs kamen, blickten in die Baumkrone und lächelten.
Den Blättern gefiel diese Aufmerksamkeit nicht.
„Du passt nicht mehr hierher!“, beschwerten sie sich. „Du zerstörst das Bild, das wir den Menschen bieten.“
„Die Leute freuen sich und lächeln. Weil ich anders bin“, verteidigte sich das gelbe Blatt. „Im Licht der Sonne funkelt mein Blattkleid hell und leuchtend wie ein Schmuckstück.“
„Und du glaubst, du bist nun etwas Besonderes?“, fragte ein Blatt. „Nein, hässlich bist du.“
„Und du wirst bald verwelken“, sagte ein anderes schnippisch. „Bald wirst du vergessen sein.“
„Jawohl!“
„So ist es richtig!“
„Genau.“
Die Blätter waren sich einig.
„Wir haben das bessere Los gezogen. Wir sind frisch und grün und wir ähneln einander wie ein Blatt dem anderen. Wie es sich gehört.“
‚Ein Blatt wie das andere? Wie langweilig das doch ist!‘, dachte das gelbe Blatt. ‚Nichts weiter als grün sind sie alle und gleich. Kein Mensch wird sie einzeln ansehen und bestaunen. Sie sind … alle … grün, dann gelb, dann welk, und dann landen sie auf einem großen Blätterhaufen, den die Menschen achtlos im Mülleimer vergraben.‘
„Ich … ich …“ Das gelbe Blatt fand die Worte nicht.
„Du sagst nichts mehr? Lachst du über uns?“, beschwerte sich eines der grünen Blätter und ein anderes meinte:
„Es verhöhnt uns. Macht sich über uns lustig. Pah! Nicht jeder hat das Glück, bevorzugt zu sein. Also höre auf, mit deiner Einzigartigkeit zu prahlen, du gelbes Blatt! Hörst du?“
Da schwieg das gelbe Blatt. Erst Spott, dann Neid? Das konnte es nicht verstehen. Das Blatt wünschte sich nur eines: So zu sein, wie es die Natur geschaffen hatte. Nichts weiter.
„Jedem Blatte recht getan, ist ein Ding, das keiner kann“, murmelte es. Dann ließ es los. Ohne ein Wort des Abschieds trudelte es an den Blattkollegen vorbei zu Boden und landete auf dem Rücken von Paulchen, einem großen, schwarzen Hund.
„Oh!“, sagte Tante Frieda, das Frauchen von Paulchen. „Das ist das erste gelbe Blatt in diesem Jahr. Es bringt Glück und bekommt einen Ehrenplatz in meinem Tagebuch. Ich lege es zu dem Tag, an dem ein gelbes Blatt Paulchens Rücken geschmückt hat wie eine goldene Brosche.“
Wie freute sich da das gelbe Blatt!
Und die anderen Blätter? Die platzten beinahe vor Neid und einige wären dabei beinahe vom Baum gefallen.

© Elke Bräunling

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Aus dem Buch: Omas Herbstgeschichten


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