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Von bunten Blättern und Nadelbäumen im Herbst

Pia und Papa schlurfen im Wald durch dichtes Laub, das am Boden liegt und bei jedem Schritt laut raschelt.
„Warum werden die Blätter im Herbst bunt und fallen ab?“, fragt Pia.
„Weil sich die Bäume auf den Winter vorbereiten“, sagt Papa. „Um zu überleben, entziehen sie den Blättern alle Säfte. So trocknen die Blätter aus und werden gelb, rot oder braun, bis sie so trocken sind, dass sie sich nicht mehr an den Zweigen halten können.
„Arme Blätter!“, meint Pia. Sie deutet zu den Kiefern und Fichten.
„Und warum haben die hier keine bunten Nadeln?”, fragt sie.
Da muss Papa auch überlegen.
„Es ist eben so”, sagt er schließlich wenig überzeugend. „Nadelbäume sind immergrüne Gewächse.”
„Immergrün?” Pia kann sich darunter wenig vorstellen. „Wieso? Wegen Weihnachten? Damit wir grüne Zweige und Christbäume haben können?”
Papa lacht. „Ja, vielleicht. Weißt du, über diese Frage haben sich schon viele Leute Gedanken gemacht. Ich kenne ein altes indianisches Märchen, das erzählt, warum Tannen, Kiefern und Fichten ihre Nadeln behalten dürfen. Möchtest du es hören?”
„Aber ja”, ruft Pia begeistert, und Papa erzählt Pia das Märchen: „Warum behalten die Nadelbäume im Winter ihr grünes Kleid?”
© Elke Bräunling

Warum behalten die Nadelbäume ihr grünes Kleid?
Nach einem alten Indianermärchen nacherzählt

Zu früheren Zeiten konnten alle Bäume sprechen. Das aber machte den Menschen Probleme. Wenn sie Holz für ihr Feuer oder für ihre Häuser und Möbel schlugen, mussten sie sich nämlich immer das herzerweichende Weinen und Klagen der Bäume mitanhören. Ratlos baten sie die Sonne um Rat.
„Mach, dass die Bäume nicht mehr weinen können!”, baten sie. „Wir brauchen doch ihr Holz.”
Die Sonne aber liebte es, dem leisen Singsang der Bäume zu lauschen und hatte keine Lust, die Bäume zum Schweigen zu bringen.
So wäre es auch bis heute geblieben, wenn die Nadelbäume der Sonne das Leben nicht so schwer gemacht hätten. Die nämlich waren neidisch auf die Laubbäume und beschwerten sich über ihre spitzen Nadeln.
„Wir wollen auch Blätter haben“, riefen sie so oft, bis ihnen die Sonne Blätter aus reiner, feiner Seide schenkte.
Die Nadelbäume freuten sich, doch als der Regen ihre seidenen Nadeln aufweichte, beklagten sie sich wieder und wünschten sich andere Blätter.
Wieder gab die Sonne nach, und am nächsten Tag hatten alle Tannen, Fichten und Kiefern Nadeln aus klarem Kristall. Toll sah es aus, wie die Kristallnadeln im Licht der Sonne funkelten. Die Nadelbäume waren glücklich. Plötzlich aber fegte der Wind durch die Baumwipfel und machte – klirrklacks – alle Kristallnadeln kaputt.
Wieder quengelten die Nadelbäume.
„Wir wollen endlich die richtigen Blätter haben, ja, und schön müssen sie sein!”
Da hatte die Sonne die Nase gestrichen voll.
„Ich mag es nicht leiden, wenn man immer unzufrieden ist”, rief sie und gab den Nadelbäumen die Nadeln zurück. „Behaltet eure alten Blätter!”, sagte sie. „Weder Regen noch Wind können ihnen schaden, und ihr werdet sie auch über Winter nicht verlieren. Nun aber will ich keine Klagen mehr hören.”
Um kein weiteres Gemeckere der Bäume mehr hören zu müssen, ließ die Sonne sie für immer verstummen. Nur ihren Gesang durften sie behalten. Du kannst ihn hören, manchmal, wenn der Wind zart über ihre Wipfel streicht.
So kommt es, dass Tannen, Fichten und Kiefern mit ihrem immergrünen Nadelkleid im Winter die Menschen erfreuen.

© Elke Bräunling

Eine ganz andere Geschichte über ein Herbstblatt, das nicht vom Baum fallen möchte, findest du hier: Der Herbstwind und das ängstliche Blatt

Diese beiden haben sich damit abgefunden, dass der eine Blätter und der andere Nadeln hat, ja, engumschlungen warten sie auf den Winter, Foto © Regina Meier zu Verl

Aus dem Buch: Omas Herbstgeschichten


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