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Die andere Seite

Die Sonne war hinter den Hügeln untergegangen. Ganz langsam war sie versunken. Opa Willi und seine Enkelin Gina saßen im Gras und hatten alles genau beobachtet.
„Wo ist sie hingegangen, Opa?“, fragte Gina.
„Auf die andere Seite.“ Opa Willis  Stimme klang nachdenklicher als sonst. „Alles, was geht, nimmt den Weg auf die andere Seite.“
Das verstand Gina nicht. „Sie geht nicht schlafen?“, fragte sie. „Aber es wird doch bald dunkel.“
„Hier schon. Nicht so dort drüben.“
Jetzt rieb sich Opa Willi umständlich die Augen. Was hatte er nur?
„Opa, bist du traurig?“, fragte Gina nun, die genau gemerkt hatte, dass da eine dicke Träne in Opas Augen schimmerte.
„Nein, mein Schatz. Ich muss nur gerade an die andere Seite denken. Weißt du, die Seite, auf die Oma schon gegangen ist. Und ich werde ihr bald folgen.“
„Du, Opa? Niemals.“ Voller Schreck sah Gina den Großvater an. War er krank wie Oma? Nein, er sah gesund aus mit den fröhlich glänzenden Augen und den roten Wangen. Er war auch nicht so dünn geworden wie sie. Nein, Opa musste sich irren.
„Du gehst noch lange nicht auf diese andere Seite“, sagte sie. „Du bleibst bei uns.“
Sie blickte zum Horizont, überlegte, dann überzog ein zufriedenes Lächeln ihr Gesicht. „Wie gut, dass die Sonne nachts dorthin wandert. Sie macht diese andere Seite warm und Oma muss nicht mehr frieren.“
Opa Willi lächelte. „Das stimmt, Oma hat oft gefroren, jetzt hat sie es schön warm. Woran du alles denkst.“
„Ich denke oft an Oma, ich habe sie sehr gern. Das bleibt, auch wenn sie jetzt auf der anderen Seite ist.“
Gina lehnte sich an ihren Großvater, und der legte den Arm um sie.
„Ach, wie gut, dass du da bist, kleine Gina!“, sagte er zärtlich und drückte sie an sich.
„Ach, wie gut, dass du auch da bist, großer Opa!“, antwortete Gina und kuschelte sich in Opas Arme. Und das mochte sie so auch noch viele, viele Jahre tun. Hier und nicht auf der anderen Seite.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl

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