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Geisterzeit

„Huch!“, rief Oma Baumann.
Dieses Huch klang laut und schrill. Und laut und schrill hallte es durch den Park. Das war auch kein Wunder. Sie hatte nämlich einen Geist gesehen. Jedenfalls sah der Kerl mit der Geisterfratze aus wie einer. Wie der Blitz war er an ihr vorbeigelaufen und nach ein paar Schritten vor ihr im nebelumflorten Gebüsch verschwunden. Wenn man da nicht erschrak, war man selbst ein Geist. Das aber war Oma Baumann nicht.
Sie umfasste den Griff ihrer Tasche fester, bereit, sie als Waffe zu benutzen und damit zuzuschlagen.
„Diese Halloweenzeit“, brummte sie, „ist mir nicht geheuer. Und das hier, nein, das ist kein Kinderspaß mehr. Man schleicht nicht als Geist durch die Gegend und erschreckt die Leute.“
Sie nickte grimmig. Nicht allen neumodischen Kram musste man gutheißen und diese Halloweenbräuche passten nicht in ihr Verständnis von einer ruhigen Herbstzeit kurz vor den Tagen der Totenfeste. Nein, da wollte sie keinen Geistern, die sich wie Fastnachtsnarren aufführten, begegnen. Schon gar nicht im Park und schon gar nicht an Nebeltagen. Das musste sie nicht haben. Wer wusste schon, wer sich hinter diesen Geistermasken verbarg?
Da! Wieder einer! Näher und näher schlich er heran, der Geist. Noch zwei Schritte. Noch einer. Jetzt!
Oma Baumann hoch den Arm mit der Tasche, wirbelte jäh herum und …
und eine ihr vertraute Stimme rief:
„Luise? Was hast du vor? Ich bin es doch! Der Georg!“
„Ach, du bist es!“ Oma Baumann atmete auf. „Ich dachte schon, du seist einer von diesen Geistern, die die Straßen unsicher machen und den Kindern mit ihren Albernheiten den Spaß an Halloween verderben.“
„Und dann würdest du zuschlagen?“
Oma Baumann grinste. „Ich … nein, ich glaube nicht, dass ich es über mich brächte, jemanden zu verprügeln.“
In dem Moment kam wieder einer, direkt aus den Büschen hinter ihnen. Ein Clown mit einem hässlich feixenden Grinsen und einer leuchtenden Taschenlampe in der Hand. Er preschte auf sie zu, streckte die Arme aus und lachte ein heulend hämisches Lachen. Wie gut für Oma Baumann, dass sie ihre ‚Waffe‘ schon bereit hielt und wie schlecht für den Clown, dass er dies zu spät kapierte!
„Später, Georg“, hörte Georg Oma Baumann daher nur noch rufen. „Wir sprechen uns später. Jetzt habe ich zu tun.“
Dann waren sie, unwirklich und schemenhaft, verschwunden im Nebel der frühen Dämmerung, der Geisterclown mit seinem dämlichen Geheule, und ihm dicht auf den Fersen Oma Baumann mit ihrer Tasche, mit der sie auf den Geist einprügelte.
Huiii! Die Geisterzeit, die hatte es in sich.

© Elke Bräunling

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