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Für eine Geschichte aus dem Leben erzählt ist man wohl nie zu alt, besonders, wenn sie von der Oma vorgelesen wird!

Oma erzählt die schönsten Geschichten

Großmutter schloss das Buch und nahm ihre Lesebrille ab. Dann schaute sie Lukas erwartungsvoll an.
„Na, mein Junge, kanntest du diese Geschichte schon?“
Lukas grinste, wobei die große Lücke zwischen den beiden Schneidezähnen sichtbar wurde.
„Ja, Oma, die kannte ich schon, aber das macht nichts. Du weißt, dass ich all deine Geschichten liebe und sie immer wieder hören kann!“
Wie reizend das aussah, wenn Oma errötete. Lukas liebte diese Frau so sehr, dass ihm das Herz weh tat, wenn er daran dachte, dass sie vielleicht eines Tages nicht mehr da sein könnte. Schnell wischte der den Gedanken weg.
„Wenn ich uns noch einen leckeren Kakao mache, würdest du dich überreden lassen, mir noch eine Geschichte vorzulesen?“
Natürlich ließ sich Oma überreden, viel zu gern las sie ihrem Enkel vor. Im Laufe der Jahre war eine schöne Geschichtensammlung entstanden, die schon vielen Kindern Freude gemacht hatte. Oft war Lukas die Hauptperson, aber immer wieder kamen auch Kinder drin vor, die sich selbst erkannten, weil Lukas’ Oma es irgendwie immer schaffte, eine besondere Eigenart der Kinder herauszustellen, ohne den Namen zu nennen.
„Das Mädchen eben in der Geschichte, das war doch meine Cousine Petra, nicht wahr?“
Lukas kam mit den Kakaobechern aus der Küche.
„Sei vorsichtig, damit du nichts verschüttest“, warnte Oma, dann nickte sie. „Ja, das war die Petra. Was sie heute wohl macht? So lange habe ich nichts von ihr gehört.“
„Es wird ihr schon gut gehen. Wenn man nichts hört, dann ist das doch eher ein gutes Zeichen. Das sagt Mama jedenfalls immer.“
„Ich bin aber trotzdem froh, dass wenigstens du dich immer bei mir meldest und mich regelmäßig besuchst. Sonst wäre ich ganz schön einsam.“
Oma schaute nachdenklich auf ihren Enkel und strich ihm dann sanft über die Wangen. Ehe Lukas etwas dagegen tun konnte, hatte sie kurz auf ihr Taschentuch gespuckt und versuchte nun, Lukas den Kakaorand vom Mund zu wischen.
Lukas ließ es geschehen, musste aber schon wieder grinsen. Er fragte sich, ob Oma ihm im nächsten Jahr, wenn er seinen Fünfzigsten gefeiert hatte, noch immer die Schnute abwischen würde.
„Es war einmal ein Junge, der hieß Lukas …“, begann Oma zu lesen. Lukas setzte sich auf den Fußboden zu ihren Füßen und legte den Kopf auf ihren Schoß.

© Regina Meier zu Verl

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