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„Puh, ist das ein Wind, der zieht einem ja die Socken aus!“, stöhnt Ida und zieht die Kapuze fester um den Kopf. Ungemütlich ist es und das Gehen fällt immer schwerer, weil sie gegen den Wind kämpfen muss.
Papa hat es gut, der kann mit dem Auto zur Arbeit fahren und Mama hat es auch gut, sie arbeitet zu Hause. „Nur ich arme kleine Ida muss bei diesem blöden Wetter raus!“, denkt sie und wird immer zorniger.
„Na du, was guckst du denn so böse?“, fragt eine Dame mit einem Dackel an der Leine.
„Ist dir eine Laus über die Leber gelaufen?“
„Nein, aber der blöde Wind regt mich auf, ganz furchtbar regt er mich auf.“
Die alte Dame lacht. „Musst dich nicht aufregen, das macht alt“, behauptet sie und lacht noch lauter.
Ida kann sich nicht vorstellen, was Aufregung mit dem Altern zu tun haben soll. Aber wenn die Frau das sagt, dann wird da wohl was dran sein, denkt sie.
„Ich rege mich jetzt jeden Tag auf, dann werde ich schneller alt und dann kann ich auch mit dem Auto zur Arbeit fahren oder einfach zu Hause bleiben!“, beschließt Ida und es geht ihr gleich ein wenig besser. Gute Aussichten sind das.
Als sie zu Hause angekommen ist, wirft sie die Jacke unter die Garderobe und den Tornister mitten in den Flur, dann rennt sie in die Küche und will sich über das Essen aufregen. Gerade will sie losschimpfen, da steigt ihr ein wunderbarer Duft in die Nase. Sollte Mama etwa Frikadellen gebraten haben? Und wenn das so wäre, dann gäbe es sicher Kartoffelpürree und Rotkohl dazu. Darüber konnte sich Ida einfach nur freuen, denn genau das war ihr Leib- und Lieblingsgericht.
„Hallo Schatz. Na du, war es anstrengend gegen den Wind anzulaufen?“ Mama drückt Ida einen Schmatzer auf die kalten Wangen.
„Ach ja, es ging so“, antwortete sie, ihr Zorn war verraucht bei der Aussicht auf das leckere Mittagessen.
„Gibt es Frikadellen?“
„Ja, aber erst dann, wenn du deine Jacke aufgehängt hast und deinen Tornister ins Zimmer gebracht hast. Mach das schnell, sonst regt Oma sich wieder auf.“
Ida wird nachdenklich, schnell läuft sie zum Flur und räumt ihre Sachen weg. Oma ist schon alt und wenn man bei Aufregung noch schneller alt wird, dann tut Oma das gar nicht gut. Ida liebt ihre Oma und möchte sie noch recht lange behalten.
„Mama, stimmt es, dass man schneller alt wird, wenn man sich ärgert?“, fragt sie die Mutter.
„Man bekommt Sorgenfalten, aber man wird nicht schneller alt, Ida. Allderdings kann es sein, dass ein Mensch, der immer unglücklich ist, früher stirbt als einer, der immer glücklich ist.“
„Dann will ich mich von heute an nie mehr ärgern und dich auch nicht und Papa nicht und Oma nicht, weil ich euch doch alle so lieb habe!“
Als alle am Tisch sitzen und das leckere Mittagessen verspeisen, hat Ida hochrote Wangen und es schmeckt ihr so gut wie lange nicht mehr. So toll hätte sie es auch gar nicht gefunden, wenn sie sich nun ständig ärgern sollte und das mit dem Auto fahren hatte ja noch ein paar Jahre Zeit.

(c) Regina Meier zu Verl

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