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Der goldene Herbsttag

„Geh doch mal an die frische Luft!“, sagte Mama zu Mia. „Die Hausaufgaben können warten. Den ganzen Tag in der Stube sitzen tut nicht gut.“
„Draußen ist es kalt und nass und nebelig“, maulte Mia.
Mama lachte. „Sieh mal aus dem Fenster, Stubenhockerin! Die Sonne hat den Nebel vertrieben. Sie macht den Tag golden.“ Sie ging zum Fenster und öffnete es.
„Golden?“, fragte Mia und dachte an eine Schatulle voller Goldschmuck. „Das will ich sehen.“
Sie schlüpfte in ihren goldgelben Pullover, der zu einem goldenen Oktober passte, und stolzierte in den Garten.
Mama hatte recht. Es war nicht mehr kalt und nicht mehr nass und die Sonnenstrahlen ließen die gelben und roten und braunen Blätter an Bäumen und Büschen funkeln und gleißen.
„Wie Juwelen sehen sie aus“, freute sich Mia. „So gefällt er mir, der Oktober.“
Sie setzte sich ins Gras und hielt ihr Gesicht in die Sonne. Wie gut das tat! Man konnte glauben, es sei Frühling. Oder Sommer. Der Nebeltag hatte sich in einen T-Shirt-Tag verwandelt. Es dauerte nicht lange, und Mia zog den Pullover aus.
„Sommer im Oktober! Das ist toll“, rief sie Katze Mimi zu, die auf der Gartenmauer lag und schlief.
„Und Frühling! Hörst du? Auch den Frühling sollst du nicht vergessen“, sagte ein Stimmchen.
Mia stutzte. Wer hatte da gesprochen.
Da! Es war der Löwenzahn, der am Rand der Wiese neben einer Kapuzinerkresse und einer Herbstaster blühte. Ein Löwenzahn im Oktober? Und überhaupt: Seit wann konnten Blumen sprechen?
„An goldenen Tagen können die Menschen manchmal unsere Sprache verstehen“, erklärte der Löwenzahn da auch schon, als ob er Mias Gedanken erraten hatte.
Mia beschloss, sich über nichts mehr zu wundern.
„Du bist eine Frühlingsblume“, sagte sie deshalb nur.
„Genau.“ Die Löwenzahnblüte kicherte. „Niemand erwartet, mich heute hier zu finden. Na, wie bin ich?“
„Toll bist du“, sagte Mia. „Eine Wunderblume bist du. Eine Herbstfrühlingsblume oder ein Frühlingsherbstblu…“
„Halt!“, rief da die Kapuzinerkresse. „Wie kannst du mich übersehen? Ich bin auch da und ich bin ein Blütenkind des Sommers.“
„Ich auch!“, warf der Löwenzahn ein.
„Nicht mehr lange, nicht mehr lange“, kichert die Chrysantheme dazwischen. „Nun ist meine Zeit gekommen. Mein Boss, der Herbst, wird kurzen Prozess mit euch machen. Ihr habt hier nichts mehr zu suchen, ihr Angeber, ihr!“
„Wie gemein du doch bist!“, erregte sich der Löwenzahn.
„Dumme Nuss!“, maulte die Sommerkresse.
„Hahaha!“, lachte die Chrysantheme. Sie klang sehr überheblich.
„Hey, macht mal halblang!“, rief Mia, die Streitereien nicht leiden konnte. „Seid friedlich! Die Sonne scheint und es ist toll warm. Mir gefällt er, dieser goldene Tag, der ein FrühlingsSommerHerbst-Tag ist.
Da schwiegen die drei Blümchen. Es gab auch nichts mehr zu sagen. Und gemeinsam reckten sie ihre Gesichter der goldenen Oktobersonne zu, der Frühlingslöwenzahn, die Sommerkresse, die Herbstchrysantheme und Stubenhocker-Mia, und genossen die kleine Atempause.

© Elke Bräunling

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Aus dem neuen Buch „Omas Herbstgeschichten“


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