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Als die Oktoberfrau ein Abenteuer suchte

„Seltsam ist es derzeit hier. Sehr seltsam.“ Die Oktoberfrau, die sich um ein paar Tage verspätet hatte, staunte. „Hat der Sommer vergessen, das Land zu verlassen oder warum ist es ringsum noch so wam und sonnengolden?“
Schnell legte sie ihre maisgelbe Strickjacke ab und packte sie in ihren Korb. Sie setzte sich auf eine Bank am Waldrand, naschte von den Trauben, die sie im Weinberg gefunden hatte, und schaute in den Himmel. Ein Schwarm Buchfinden hatte sich dort versammelt. Sicher würden sie sich nun auf die Reise in den Süden machen.
Wie immer, wenn sie den Vogelscharen hinterher blickte, verspürte sie Lust, sie zu begleiten auf ihre aufregende Reise in den Süden. Sie liebte Abenteuer.
Sie lächelte. Abenteuer? Warum sollte sie den Oktober hier für das Land und für die Menschen, Tiere und Pflanzen nicht auch zu einem Abenteuer machen? Ja, sie würde einen Oktober gestalten, von dem alle noch lange reden würden. Dazu aber brauchte sie Helfer.
Als erstes ging sie zum Sturmriesen. Der hielt gerade eine Konferenz mit seinen Wind- und Sturmkollegen. Die Oktoberfee atmete auf. Das passte wunderbar.
„Habt ihr Lust auf ein Abenteuer?“, fragte sie.
Die Windgesellen sahen sie verdutzt an. Ein Abenteuer? Das klang nach Stress. Den wollte keiner haben und einer nach dem anderen schüttelte verneinend den Kopf.
„Mir wird schon etwas einfallen. “ Die Oktoberfrau lächelte. „Und dann sagt nicht, dass ich euch nicht dazu gebeten hätte!“
Sie zog weiter zu den Regengeschwistern.
„Ihr seid so erfrischend!“, sagte sie schmeichelnd, bevor sie zu ihrem Anliegen kam. „Was haltet ihr davon, mit mir gemeinsam ein spannendes Abenteuer zu erleben?“
Gar nichts hielten sie davon, die Regenherren. Sie hörten der Oktoberfrau erst gar nicht zu. Das war bequemer.
Die zuckte mit den Schultern, brummelte ein bisschen vor sich hin und machte sich auf den Weg zu den anderen Wettergeistern. Den Nebelmeister wollte sie nun besuchen.
„Ach, du schon wieder!“, sagte der. „Jedes Jahr das gleiche Theater! Lass mich in Ruhe mit deine Abenteuerlust! Ich werde demnächst genug zu tun haben, jetzt aber will ich mich noch ein bisschen ausruhen. Verstanden?“
Die Oktoberfrau verstand. Wenn sie ehrlich war, hatte sie fast damit gerechnet, dass ihre Wetterkollegen kneifen würden. Es war wie in jedem Jahr.
„Mit Abenteuer haben sie es nicht so“,  murmelte sie. „Diese Spießer!“
Die Sonne, die das Treiben der Oktoberfrau beobachtet hatte, lachte.
„Komm, Oktoberfrau!“, rief sie. „Du kannst mir helfen, den Oktober zu vergolden! Ich tauche das Land in ein kräftig goldenes Licht und du zeigst mir, wo grüne Blätter sind, die eingefärbt werden müssen. Du wirst sehen, das ist macht Spaß.“
Die Oktoberfrau freute sich. Die Sonne zu fragen, das hätte sie nie gewagt, war ihre Kollegin, die Septemberfrau, der Himmelsherrin doch schon gehört auf die Nerven gegangen. Was aber konnte es besseres geben als mit der Sonne zusammen zu arbeiten? Und ehrlich, das war doch auch ein Abenteuer. Ein großes sogar.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl

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