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Das Lächeln der Herbstastern

Antonia, kurz Toni, liebt Blumen. Wenn sie freitags mit Mama auf den Wochenmarkt geht, lässt sie Mama die Einkäufe machen. Sie selbst verweilt gern bei Margitta, der Blumenfrau. Am liebsten mag sie Blumen, die ein rundes, gelbes Gesicht haben. Wie die Margeriten zum Beispiel oder die Gänseblümchen. Die nämlich können lachen, sagt sie.
„Guten Morgen, Toni, da bist du ja wieder!“, begrüßt Margitta sie fröhlich und schenkt ihr ein Töpfchen mit Herbstastern, kleinen lila Sternchen mit gelben Gesichtern.
„Dankeschön.“ Tonis Augen strahlen. Diese lilafarbenen Lachblümchen hat sie noch nicht gekannt. „Bestimmt hat der Herbst ihre Blütenblätter so toll angemalt“, sagt sie. „Weil bunt nun fröhlicher ist als weiß. Das gefällt mir.“
„Ja, der Herbst ist ein Künstler“, findet auch Margitta. Sie zupft ein paar vertrocknete Blüten aus den Stauden, die sie zum Verkauf anbietet.
Toni aber ist damit nicht einverstanden. „Herbst ist doof“, sagt sie mit einem Schmollmund. „Er ist schuld, dass alle Blumen kaputt gehen und dass die Blätter von den Bäumen fallen. Ich mag ihn nicht. Nur seine Blumen, die mag ich.“
„Das, meine liebe Toni, siehst du aber nicht richtig. Der Herbst ist überhaupt nicht doof. Darf ich dir eine kleine Geschichte dazu erzählen?“ Margitta wischt die Hände an ihrer grünen Gärtnerschürze ab und setzt sich auf eine leere Holzkiste.
„Über den Herbst?“ Toni, die Geschichten liebt, klatscht in die Hände. Aus ihrem Schmollmund wird ein Lachmund.
Margitta lächelt. „Nun blickst du so fröhlich drein wie die Herbstastern. Die nämlich sind sehr fröhliche Blümchen und sie sind, pssst!, die geheimen Kinder des Herbstes.“
„Ich bin soooo gespannt und Geheimnisse, die mag ich besonders.“
Toni hockt sich im Schneidersitz vor die Blumenfrau auf den Boden, damit sie kein Wörtchen verpasst von dem, was sie erzählt.
„Der Herbst“, beginnt Margitta, „war früher selbst einmal sehr traurig. Er weinte oft. Um jedes Blümchen, jede Frucht, die welk am Boden lag, und um jedes bunt gefärbte Blatt, das vom Baum fiel. Vor lauter Traurigkeit weinte und weinte er immerzu und seine Tränen tropfen auf die Erde. Dann aber geschah eines Tages etwas, das einem Wunder glich.
„Ein Wunder? Was für ein Wunder?“ Toni überlegt, dann lacht sie. „Ich glaube, ich weiß, was für ein Wunder gemeint ist.“
„Da bin ich gespannt. Erzähl!“ Margitta nimmt einen Schluck aus ihrer Wasserflasche und schaut Toni neugierig an.
„Dort, wo die Tränen auf die Erde tropften, wuchsen Blumen. In Lila, Rosa und dunkelrot. Sie sahen aus wie kleine, lächelnde Sterne. Stimmt doch, oder?“
Und weil Margitta nichts sagt und nur lächelt, fährt sie fort:
„Und in der Mitte hatten sie ein gelbes Blütengesicht, das lächelt. So wie du. Und wie die Herbstastern.“

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl 2016

herbstastern

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