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Das kleine Igelmädchen und der Ernst

Der Tag wollte ein schöner Tag werden. Ein goldener, der schon ein wenig nach Herbst duftete. Man musste nur die Augen schließen und schnuppern.
Ninette, das junge Igelmädchen genoss die herrlichen Düfte. Es sollte der erste Herbst ihres Lebens werden und er roch für sie noch ein wenig verführerischer als der Sommer.
„Wenn dieser Herbst, der nun kommen soll, so fein duftet“, murmelte Ninette, „will ich ihn immer haben.“
Sie schnupperte wieder und verstand überhaupt nicht, dass Mama und Papa Igel und auch alle anderen in der Igelfamilie sagten, im Herbst beginne der Ernst des Igellebens. Fröhlich wollte Ninette jetzt sein, köstliche Sachen naschen und mit den Geschwistern spielen. ‚Ernst des Lebens.’ Wie das schon klang! Irgendwie langweilig; ein bisschen machte dieser Ernst ihr auch Angst.
„Im Herbst“, sagte Papa Igel nämlich immer, „musst du spuren und dich sputen.“
Spuren und sputen? Das klang wirklich ernst. Und nach Arbeit klang es auch.
‚Morgen werde ich Papa bitten, mir das ganz genau zu erklären!‘, dachte Ninette. ‚Heute aber werde ich den Tag genießen, mit Augen, Nase und vor allem mit dem Mund!‘
Auf ihren flinken Beinchen steuerte sie die Stelle an, an der sie gestern einen dicken Regenwurm gefunden und verspeist hatte. Sie lockerte mit ihren winzigen Füßen die Erde ein wenig auf und hatte Glück. Wieder schaute ein Würmchen neugierig ins Licht.
„Hm!“, freute sich Ninette. „Wie lecker er schmeckt. Wunderwurmlecker! So fühlt sich das Leben doch fein an. Wozu brauche ich da einen Ernst?“ Ninette sah sich um. Wo steckte der überhaupt?
„Ernst!“, rief sie so laut sie konnte. „Er-hernst!“
Nichts. Ninette rief und rief, aber da war niemand. Schon gar niemand, der Ernst hieß.
„Irgendwann“, murmelte sie schließlich, „erfahre ich, wer er ist und wo er steckt, dieser Ernst.“
In dem Moment raschelte es im Brombeerbusch neben ihr. Eine Katze war auf Mäusejagd. Sie war verärgert über den Krach, den das Igelmädchen machte. Ninette sah in die gefährlich funkelnden Augen der Katze und rollte sich augenblicklich zu einer Kugel zusammen.
„Was soll ich tun?“, fragte sie sich bang. „Flüchten? Oder besser abwarten?“
Da aber rief eine Menschenstimme laut: „Ernst! Wo steckst du? Eeeernst.“
Die Katze, die ein Kater war, zuckte zusammen. Das durfte doch wohl nicht wahr sein. Nicht einmal in Ruhe Mäuse jagen konnte man hier. Da würden ihre Menschen aber mit einem Leckerchen bezahlen müssen. Gehorsam mauzte sie: „Hier bin ich!“ und lief hinter ihrem Menschen her.
Ninette blieb noch ein wenig eingerollt. Erst als sie sicher wusste, dass sie wieder allein war, linste sie vorsichtig aus ihrem Stachelkleid heraus.
„Das ist also dieser Ernst, der im Herbst beginnen würde“, murmelte sie. „Sie haben recht, ich sollte mich vor ihm hüten.“
Und was Papa Igel mit diesem ‚im Herbst musst du spuren und dich sputen‘ meinte, würde sie auch noch herausfinden.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl im Juli 2016

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