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Rosenherbst

Zwei Blumentöpfe schmückten den Rand der Terrasse. Es waren alte, blau bemalte Steinguttröge mit einem himbeerrot blühenden Rosenstrauch und einem gelb leuchtenden Chrysanthemenbusch.
„Blass sind deine Farben geworden“, sagte die Chysantheme eines Tages zur Rose.
Die hatte ihre Hauptblütezeit lange hinter sich gelassen, doch noch immer erblühten ein paar wenige zartrote Röslein.
„Meine Zeit neigt sich dem Ende zu“, murmelte die Rose nun. „Allein die Liebe am Leben und die Freude an den Farben des Himmels lassen mich noch einige meiner Knospen öffnen.“
„Ha!“, spottete die Chrysantheme. „Die Sonne beachtet dich längst nicht mehr. Du bist ihr nicht schön genug. Mich aber liebt sie. Sieh meine Blüten! Wie kleine Sonnen machen sie den Tag heller und erfreuen ihn mit ihrem Blütenlächeln.“
Blütenlächeln. Das klang schön. Die Rose fühlte sich hässlich und schwieg.
Und so verbrachten sie die letzten Sommertage schweigend, die Chrysantheme strahlend und stolz mit ihrem sonnengelben Blütenmeer, die Rose klein und bescheiden, wusste sie doch, dass sie mit ihren wenigen Blüten keinen großen Eindruck mehr machen würde.
Der Herbst kam und mit ihm die Tage der kühlen Nächte und des Regens. Nebel machte der Sonne oft erst zur späten Mittagszeit Platz.
Es waren keine guten Tage für Blumen.
Die Rose kämpfte und es gelang ihr, ab und zu eine oder zwei Knospen zum Blühen zu bringen. Daneben prunkte die Chrysantheme. Aber auch ihre Farben verblassten. Mit jedem Tag sahen die einst fröhlich strahlenden Blüten trauriger aus. Braun färbten sich ihre Spitzen, dann schmutzig gelb und welk, an nassen Tagen sogar feucht und faulig. Von Tag zu Tag verlor der Chrysanthemenbusch ein bisschen mehr von seiner einstigen Schönheit. Er fiel in sich zusammen, wurde klein und kleiner, bis nur noch dürre Zweiglein von ihm übrig waren.
„Eintagsfliege!“, murmelte die Rose, die den Niedergang ihrer Konkurrentin mit Verwunderung beobachtet hatte. „Nein, eher eine ‚Einherbstfliege‘.“
Sie beschloss, sich im kommenden Jahr über Blumenkolleginnen nicht mehr zu wundern oder sich ihretwegen zu grämen.
„Wichtig ist, sich zu mögen, wie man ist. Dann muss man nicht mit Neid oder Wehmut auf den Nachbarn blicken. Davon nämlich wird man nicht schöner und auch nicht mehr geliebt. Und überhaupt, ich mag mich noch immer gut leiden, auch jetzt kurz vor dem Winter.“
Und weil sie sich schön und zufrieden fühlte, erblühten bis zum Ende des Herbstes immer wieder eine oder zwei oder drei kleine Rosen. Selbst noch in der Adventszeit. Als der erste Schnee fiel, bedeckte ein zierlich weißer Schneeflockenhut das rote Blütenhaupt der letzten Rose, und alle, die zu ihr auf die Terrasse blickten, freuten sich über dieses kleine Adventswunder.

© Elke Bräunling

HerbstroseHerbstrose im Rosenherbst

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