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Die Ablöse

„Aaah … der altersschwache Sommer schläft“, frohlockte der junge Herbst, der noch ein wenig Grün hinter den Ohren war. Er wusste, nun würde bald seine Zeit kommen, rieb sich die Hände und schritt leise übers Land.
Da er mit Leidenschaft Maler war, konnte er seine Sehnsucht und Lust kaum bändigen, endlich den Pinsel schwingen zu dürfen.
„Hihi, der alte Herr wird nicht merken, wenn ich in der Nacht ein wenig von meinen neuen Farben ausprobiere“, redete er sich selbst ein. „Nur ein ganz klein wenig … der alte Sommer ist eh mit seiner Kraft am Ende.“
Schon zog er seinen nigelnagelneuen Pinsel aus der Tasche und schob die Tuben mit brauner, roter und gelber Farbe nach. Wie halt die Jungen sind, die es einfach nicht erwarten können, bis sie an der Reihe sind.
„Augen wird der alte Sommer machen, wenn er am Morgen erwacht und meine Spuren entdeckt“, freute sich der Farbkleckser schelmisch.
Allein die Vorstellung trieb ihm ein breites Grinsen ins Gesicht.
Er betupfte alles, was ihm in den Weg kam. Sträucher, Bäume und viele viele Pflänzchen, die schon längst Sommerkleid und Schmuck abgelegt hatten und sich nun auf die Herbstmode freuten.
Gern hätte er auch noch viel mehr Farben probiert, aber die Tuben ließen sich einfach noch nicht öffnen.
„Na gut, dann eben ein andermal“, dachte er bei sich und nahm einen kräftigen Zug aus seiner dicken Zigarre. „Es ist ja auch noch nicht aller Tage Herbst“.
Die Rauchschwaden zogen über die Felder hinunter zum Fluss und kitzelten den tief schlafenden Sommer in der Nase.
Der schwache, alte Mann erwachte, rieb sich die müden Augen und röchelte ein wenig. Nach einer Weile erkannte er, dass es wohl doch kein Traum war, was er letzte Nacht zu sehen geglaubt hatte.
Nun wusste er, dass der Abschied gekommen war. Seine „Ablöse“ stand schon bereit.

© Andrea Oberdorfer


Der Herbst raucht eine Zigarre und nebelt das Land ein, Foto © Andrea Oberdorfer

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